| Eltern | Feedb@ck | Sitemap | Impressum |
   

Hörentwicklung bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Nasen-Fehlbildungen - Störungen, Folgen, Diagnostik, Therapie

 

 

Dr. med. Magdalena Grzonka,
Fachärztin für HNO-Heilkunde, Health-Care-Managerin, Behandlungszentrum für Lippen-Kiefer-Gaumen-Nasen-Fehlbildungen an der DRK Kinderklinik Siegen, Wellersbergstr. 60, 57072 Siegen Tel.: 0271/2345-409, Fax: 0271/2345-91255,
E-mail: grzonka@gmx.de

Noch immer sind nicht allen die Zusammenhänge der Lippen-Kiefer-Gaumen-Nasen-Fehlbildung mit Hör-, Sprach- und Lernproblemen bekannt. Dieser Beitrag soll Sie als Interessierten in die Lage versetzen, diese Zusammenhänge zu erkennen und die notwendigen Untersuchungen sowie die Therapiemöglichkeiten kennen zu lernen.

Funktionen des Hören

Wahrnehmung von Tönen

—> Bedarf eines normal funktionierenden Hörapparates

Verstehen des Gehörten

—> entsteht durch cerebralen Reifungsprozess

 

Hörleistungen des Kindes

 Altersstufe

 

 Foetus

Wahrnehmung von Schallen aus der Umgebung (Darmgeräusche, Herz, Stimmen)

 Neugeborenes

Unterscheidung von Vokalen

 2 Monate

Diskriminierung der Laute b-d-g-k-p-t

 8 Monate

Erkennen von sinnfreien Silbenfolgen (In der Umgangssprache sind zwischen den einzelnen Worten eines Satzes keine Pausen. Das Kind muss also lernen, dennoch diese Wörter "herauszuhören")

 2 Jahre

Beurteilung grammatischer Strukturen

 4 Jahre

Erwerb aller wesentlichen Grundzüge der Muttersprache abgeschlossen

 

Abbildung 1: Hör- und Sprachentwicklung

Abbildung 1: Hör- und Sprachentwicklung

 

Aufbau und Funktion des Hörapparates

Äußeres Ohr: Ohrmuschel, äußerer Gehörgang
—> Bündeln die Schallwellen, die auf das Trommelfell treffen
Mittelohr: Trommelfell, Gehörknöchelchenkette
—> Schallverstärkung
Tuba auditiva (Tube): Luftaustausch von Mittelohr zum Rachen
—> Gewährleistung der optimalen Schwingungsfähigkeit der Gehörknöchelchen
Innenohr: Hörschnecke
—> Schalltransformation, Umwandlung des mechanischen Reizes der Schallwellen in elektrische Nervenimpulse, Kodierung der Töne entsprechend Lautstärke und Höhe
Hörzentren:

—> Verarbeitung der Höreindrücke zu einem verständlichen Ganzen

 

Abbildung 2: Anatomie des Ohres. Aus: Neumann, 
		S. (2002)

Abbildung 2: Anatomie des Ohres. Aus: Neumann, S. (2002):

LKGS-Spalten. Ein Ratgeber für Eltern.

 

Auswirkung der Segelgaumenfehlbildung auf das Mittelohr

Fehlbildung der Segel-Rachen-Muskulatur ==> mangelnde Öffnung der Tuba auditiva ==> mangelnder Luftaustausch zwischen Mittelohr und Nasenrachen ==> Unterdruck im Mittelohr ==> Einziehung des Trommelfelles (Adhäsivprozeß) ==> Seromucotympanon ==> Einschränkung der Beweglichkeit der Gehörknöchelchen ==> Verminderung und Verzerrung der Schallwellenübertragung

  • Belüftungsstörungen der Mittelohren in den ersten Lebensjahren bei mehr als 90% der Kinder mit einer Segelfehl- bildung
  • 6 mal höherer Anteil chronischer Ohrerkrankungen im Erwachsenenalter
  • höheres Risiko für Schallempfindungsstörungen bei Vorliegen einer craniofacialen Fehlbildung

Auswirkung der Hörschädigung im Kindesalter auf die Sprachentwicklung

Eine Hörschädigung im frühen Kindesalter kann eine Reifungsstörung des Hörorganes bedingen. Bereits leichte bis mittelgradige Hörminderungen, wie sie durch Paukenergüsse oder gehäufte akute Mittelohrentzündungen entstehen, können hierzu führen, wenn sie über längere Zeit unbehandelt bleiben oder immer wieder auftreten. Entscheidend ist die frühkindliche "Jahreshörbilanz". Darunter versteht man die Summe der verwertbaren sprachlichen Reize, die das Kind in den ersten Lebensjahren erhält. Der ist natürlich einerseits bestimmt durch den Umfang der aktiven sprachlichen Kommunikation der Bezugspersonen zu diesem Kind, er kann aber andererseits beeinträchtigt werden durch eine Belüftungsstörung der Mittelohren mit der einhergehenden Beeinträchtigung der Qualität der sprachlichen Reize, denn die wahrgenommenen Töne und Geräusche sind nicht nur leiser sondern auch verzerrt.

Pathologie
Gestörte Hörbahnreifung:

==>fehlende, verzögerte oder gestörte Entwicklung des Laut- und Schriftsprachaufbaues

  • verminderter Wortschatz
  • einfache Satzstrukturen
  • Fehler bei der Beugung der Wörter
  • Gestörte Aussprache

==> verzögerte geistige Entwicklung

Untersuchungsverfahren zur Bestimmung des Hörvermögens
Otoakustische Emissionen (OAE):
Otoakustische Emissionen sind Schallsignale, die im Innenohr entstehen und im äußeren Gehörgang mit einem Mikrofon gemessen werden können. Da die Signale bereits bei geringen Hörverlusten verschwinden, bietet sich diese Methode zum Screening einer Schwerhörigkeit an.

Abbildung 3: Ableitung von otoakustischen Emissionen

Abbildung 3: Ableitung von otoakustischen Emissionen

Hirnstammaudiometrie (BERA):
Im Innenohr und in den zentralen Hörbahnen entstehen beim Hören elektrische Nervenimpulse. Diese lassen sich im Sinne eines EEG´s ableiten. Reizt man mit verschiedenen Tönen unterschiedlicher Frequenz lässt sich eine Hörkurve bestimmen.

Tympanometrie:
Die Tympanometrie dient zur Testung der Stellung und der Schwingungsfähigkeit des Trommelfelles.

Tonaudiogramm:
Mit dem Tonaudiogramm läßt sich die Hörschwelle für einzelne Töne unterschiedlicher Frequenz bestimmen. Bei Säuglingen und Kleinkindern lässt sich die Hörschwelle auch spielerisch feststellen, indem die Reaktionen des Kindes auf Geräusche verschiedener Art und Lautstärken bestimmt werden.

Sprachaudiogramm:
Hörstörungen wirken sich nicht nur in einer Verschlechterung der Hörschwelle aus, sondern können auch zu zentralen Verarbeitungsstörungen führen. Bei der Sprachverständnisprüfung wird dem Patienten ein Wort, ein Satz oder ein Lautmuster dargeboten.

Behandlungsmöglichkeiten

Verbesserung der Tubenventilation:
abschwellende Nasentropfen, Inhalationen (v.a. bei akuten Infekten sinnvoll)
Aktives Einblasen von Luft über die Tuba auditiva (Otovent, Otovar, Valsalva-Manöver)

Einsetzen von Paukenröhrchen:
Bei länger als zwei Monate bestehendem Seromukotympanon
zahlreiche Modelle mit unterschiedlicher Liegezeit

Abbildung 4: Einlage eines Paukenröhrchens

Abbildung 4: Einlage eines Paukenröhrchens

Behandlung der Otorrhoe bei Paukenröhrchen:
Antibiotikahaltige Ohrentropfen, abschwellende Nasentropfen, nur bei schwerer Erkrankung oder Systemerkrankung orale Antibiose

Operative Korrektur der Segelfehlbildung:
Die Belüftung des Mittelohres ist solange gestört, solange die Segelmuskulatur nicht normal funktioniert. Erst durch das Erreichen einer gut beweglichen Segelringmuskulatur mittels einer Segelplastik ist dies möglich. Nicht alle diesbezüglichen Operationen sind jedoch gleich. Am besten bewährt hat sich die Methode, die die durch die Fehlbildung verlagerten Muskeln und deren Sehnenansätze löst und entsprechend ihrem normalen Verlauf korrekt miteinander vereinigt.


Zeitliches Behandlungsschema

  • in 2. Lebenswoche Hörscreening mittels OAE`s- falls pathologisch BERA
  • Kontrolle alle 4 Wochen - Ohrmikroskopie, Tympanometrie
  • ab 4. Lebensmonat Einlage von Paukenröhrchen falls erforderlich
  • im 7. Lebensmonat Segelkorrektur
  • Kontrolle alle 12 Wochen - Ohrmikroskopie, Tympanometrie
  • 5. Lebensjahr - Ohrmikroskopie, Tympanometrie, Audiogramm
  • jährliche Kontrolle

 

Schlusswort
Nur ein normales Hörvermögen erlaubt eine normale Hör-, Sprach- und geistige Entwicklung. Daher liegt das Ziel der Behandlung von Patienten mit Segelfehlbildungen in der frühest möglichen Normalisierung der Mittelohrbelüftung.