| Eltern | Feedb@ck | Sitemap | Impressum |
   

LKGS- Therapie in den neuen Heilmittelrichtlinien 2001

Silvia Herl-Peters, Diplom-Logopädin
Logopädische Praxis, Aachen


Durch die neuen Heilmittelrichtlinien (HMR 2001) sind einige Fragen zur Verordnungspraxis bei Therapeuten, Ärzten und Eltern aufgetaucht. Im Heilmittelkatalog werden je nach Störungsbild z.B. die ärztliche Diagnostik, die Verordnungsmenge, die Anzahl der Folgeverordnungen (FolgeVO) geregelt ebenso wie die Frage, ob bei dem speziellen Störungsbild überhaupt eine LangfristVO möglich ist. Ein zentraler Punkt der HMR ist die verstärkte Kooperation zwischen Ärzten und Leistungserbringern, die sich u.a. in der Kurzmitteilung des Therapeuten an den verordnenden Arzt zeigen soll.

Nachfolgend sind lediglich die für die LKGS- Therapie wichtigsten Änderungen aufgeführt:

1 Wesentliche Neuerungen durch die HMR 2001

Erstmalig wird der sogenannte Regelfall definiert. Den Regelfall betreffend sind Ärzte an Verordnungsrichtlinien gebunden, die z.B. die Anzahl der FolgeVO, etc. betreffen. Der definierte Regelfall schließt jedoch nicht weitere VO außerhalb des Regelfalls aus.

Einführung einer Stufenfolge von 3 Arten von Verordnungen: ErstVO, zwei FolgeVO und LangfristVO. Bei manchen Störungsbildern sind ErstVO und eine FolgeVO, nicht aber 2. FolgeVO und LangfristVO vorgesehen.

Bei rezidivierenden oder neuen Erkrankungsphasen ist die VO als erneuter Regelfall möglich - nach einem behandlungsfreien Intervall von mehr als 12 Wo.

Weitere Verordnung außerhalb des Regelfalls bedarf einer kurzen gesonderten Begründung des Arztes sowie der Genehmigung durch die Krankenkasse

2 Notwendige Angaben auf Muster 14

Notwendige ärztliche Angaben in der VO: Diagnose, Leitsymptom und Therapieziel nach Maßgabe des Heilmittel- katalogs, sowie VO-Menge
Fakultative Angaben: Frequenzangabe, spätester Zeitpunkt des Therapiebeginns
• Die Verordnungsberechtigung ist nicht auf bestimmte Facharztgruppen beschränkt. Auch Allgemeinärzte können VO ausstellen, wenn ihnen die notwendigen Untersuchungsergebnisse zur Verfügung stehen. Kieferorthopäden und Zahnärzte können wie bisher verordnen, für sie gelten die HMR nicht. Der Heilmittelkatalog kann ihnen jedoch als Orientierung dienen.

3 Differenzierung der Verordnung bei LKGS nach Art der Störung

Bei der Verordnung von Stimm- oder Sprechtherapie bei LKGS- Spalten ist zu beachten, ob bei dem Patienten eine Artikulationsstörung vorliegt oder nicht. Bei Verordnung im Vorschulalter ist die Entscheidung aus der Sprach- und Sprechdiagnostik relativ leicht zu treffen, weil neben evtl. gegebener Pathologie von Stimmklang, Nasendurchschlag, orofazialem Gleichgewicht und mimischer Mitbewegungen entweder
• eine Dyslalie diagnostiziert werden kann, dann siehe unter 3.1 Artikulationsstörungen oder aber
• keine Dyslalie diagnostiziert wird, dann s. 3.2 Störungen der Stimm- und Sprechfunktion.
• Kommt zu der Sprechstörung noch eine Sprachentwicklungsverzögerung hinzu, dann s.u. bei 3.3 Störungen der Sprache vor Abschluss der Sprachentwicklung.
Diese Differenzierung kann sich jedoch speziell in der Frühförderung auf die VO durch den Arzt und damit auf die Therapieintervalle auswirken (s. 4 Diskussion zur Frühförderung bei LKGS).

3.1 Störungen der Artikulation

Diagnose: Dyslalie (partiell, multipel, universell)
z.B. bei Anomalien der Zahnstellung, des Kiefers und des Gaumens



3.2 Störungen der Stimm- und Sprechfunktion

Diagnose: 1. Rhinophonie (funktionell bedingt)
2. lokal/organische Schädigung



3.3 Störungen der Sprache vor Abschluss der Sprachentwicklung

Diagnose:

Störungen der Sprache vor Abschluss der Sprachentwicklung z.B. bei
Entwicklungsstörungen, peripheren und zentralen Hörstörungen,
frühkindlichen Hirnschädigungen, genetisch bedingten Krankheiten,
Mehrfachbehinderungen, u.a.



Die Angaben sind stark verkürzt dem Leitfaden zu den Heilmittelrichtlinien (Hrsg.): Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V. , (2001) entnommen und sind in ihrer ungekürzten Fassung über den dbl erhältlich.

4 Diskussion zur Frühförderung bei LKGS

Keine statistischen Normwerte für die Frühförderung:
Beginnt eine Therapie bereits zwischen dem 1;6 bis 3;0 Lebensjahr, weil die orofaciale Dysfunktion, der Nasale Durchschlag und die pathologische Nasalität des Kindes einen so frühen Förderbeginn veranlassen, können wir derzeit auf keine veröffentlichten statistischen Angaben zur Lautentwicklung zurückgreifen. Die Angaben zur physiologischen Lautentwicklung beginnen erst ab dem 3. Lebensjahr (GROHNFELDT 1980).

Wie ist eine Fehlbildung in der Frühförderung zu werten?
Die physiologisch korrekte Bildung aller Zischlaute wird erst nach dem 3. Lebensjahr von 90 % der Kinder korrekt realisiert (GROHNFELDT 1980). Wie wird jedoch bei einem Frühförderkind ein nasaler Durchschlag bei einer zischenden Lautbildung gewertet, die zunächst stellvertretend fungiert für die später sich entwickelnden korrekten Laute wie /f/, /v/, /s/, etc.? Wie ist ein frühkindlicher glottaler Ersatzlaut einzustufen? Als Artikulationsstörung oder als Störung der Sprechfunktion laut HMR?

Intervalltherapie oder Langzeittherapie bei Störungen der Stimm- und Sprechfunktion?
Wird eine Störung von Arzt und TherapeutIn in den Bereich der gestörten Stimm- und Sprechfunktion eingestuft, ergibt sich notwendigerweise als Regelfall eine Therapiephase von 20 TE (ErstVO: 10; 1. FolgeVO: 10). Danach ist eine ausführliche Diagnostik notwendig, um über Beendigung bzw. Fortsetzung der Therapie zu entscheiden. Falls eine 2. FolgeVO mit 10 TE folgt, ist dennoch keine LangfristVO möglich. Das bedeutet für die Therapie, dass innerhalb des Regelfalles Intervalltherapie, d.h. nach 20-30 TE eine Therapiepause von 12 Wochen notwendig wäre. Prinzipiell gibt es für den Arzt die Entscheidung zur WeiterVO der Therapie außerhalb des Regelfalles mit Genehmigung durch die Krankenkasse.
Nach dieser Pause muss die Interpretation der erneuten Diagnostik darüber entscheiden, ob z.B. dadurch ein erneuter Regelfall ausgelöst wird.

Funktionelle Langzeiteffekte durch Frühförderung
In Zukunft sollte die Forschung und der Austausch im Frühförderbereich gestärkt werden. Nach eigenen Erfahrungen in der Frühförderung erhoffe und erwarte ich, dass die früh geförderten Kinder mit LKGS- Fehlbildung eine Therapie auf Wahrnehmungs-, Artikulations-, Stimm- und Myofunktioneller Ebene funktionell viel leichter und schneller umsetzen können, als erst spät therapierte Kinder, die teilweise bereits mit starkem Störungsbewusstsein zu uns kommen.

Hier sollte cleftNet uns allen ein Forum für Diskussion und Erfahrungsaustausch bieten!