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Video- Feedback-Therapie mit dem flexiblen Nasendoskop

Bei Kindern ab dem 9. Lebensjahr und bei Erwachsenen mit rückverlagerter Artikulation und VPI hat sich die Methode des visuellen Feedbacks (Selbstbeobachtung) mittels transnasaler Video-Nasopharyngoskopie (? Diagnostik) bewährt. Besonders wenn eine phonematische Differenzierungsschwäche vorliegt kann der visuelle Wahrnehmungskanal in Kombination mit z.B. propriozeptiver Empfindung ideale Hilfe bieten rückverlagerte Artikulationen zu inhibitieren.
Das Video-Feedback ermöglicht es dem Patienten während des Sprechvorgangs (ohne diesen zu beeinträchtigen) die Bewegung des Velums, des dorsalen Zungenrückens, der Epiglottis und der Stimmlippen im Echtzeitverfahren zu beobachten. Somit wird auch die velopharyngeale Insuffizienz über den Video-Bildschirm sichtbar gemacht und versucht, dieses Bewegungsmuster durch ein synchrones visuelles Feedback positiv zu verändern.

Indikationen einer erfolgversprechenden Therapie

  • Phonemspezifische velopharyngeale Insuffizienz verursacht durch kompensatorische Artikulation
  • Hyperfunktionelle Fehlspannung des velopharyngealen Sphinkters nach Velopharynxplastik; Hypertonie muss unter Entspannunginduktion veränderbar sein
  • Phonemspezifische velopharyngeale Insuffizienz nach Velopharynxplastik verursacht durch kompensatorische Artikulation
  • Variabler, inkonstanter velopharyngealer Abschluss (besonders bei Übergang von nasalem zu oralem Phonem)
    → es muss jeweils ein vollständiger velopharyngealer Abschluss bei mind. einem Phonem nachweisbar sein

    Vorangehende Diagnostik
  • Ausführliche sprachtherapeutische Analyse der Sprechauffälligkeiten und Nasalität
  • Nasendoskopische Dokumentation des VPA und der kompensatorischen Artikulationsorte
  • Bestimmung des primären Wahrnehmungskanal (auditiv, visuell oder kinästhetisch) anhand freier Assoziationen zu 30 vorgegebene Begriffen (NLP-Methode) → Erhebung des optimalen Lernmediums
  • Prüfung des Video-Feetback-Potentials/Prüfung zur Beeinflussung der Lautfehlbildung
  • Prüfung der Akzeptanz der Feedback-Methode für mehrere Therapiesitzungen
  • Motivation zur Wiederaufnahme oder Fortsetzung einer erneuten Sprachtherapie

Methodische Besonderheiten
Die Video-Feedback-Therapie wird nicht nur auf supravelarer Ebene (oberhalb des Velums) sondern auch auf mesopharyngealer Ebene (infravelar) und laryngealer Ebene durchgeführt, so dass auch die in den Mesopharynx bzw. Larynx rückverlagerte Artikulation sichtbar gemacht wird.
Es wird die pychotherapeutische Technik des ‚Ankerns’ eingeführt, welche auf den Prinzipien des klassischen Konditionierens beruht. So wird ein erreichter psychophysiologischer Zustand wieder verfügbar gemacht.

Behandlungskonzept
Das Therapiesetting sieht vor, dass der Phoniater das Endoskop führt und die Lage korrigiert, der Patient auf den Monitor schaut und der Sprachtherapeut sowohl den Monitor als auch den Patienten sehen kann und somit eine personenbezogene Interaktion zwischen allen Beteiligten Parteien möglich ist.
Methodisch baut sich die Video-Feedback-Therapie in vier Teile auf:


  • Experimentierphase vor dem Vidio-Bildschirm
  • Visualisierung korrekt gebildeter Laute
  • Verankerung des Neugelernten über den primären Wahrnehmungskanal (Selbstanker)
  • Üben und Übertragung auf die Spontansprache anhand spezieller Protokollbögen

Selbstkontrolltechniken
Besonders Patienten, welche jahrelang eine kompensatorische Artikulation aufweisen, bedürfen zwischen den Feedback-Sitzungen sprachtherapeutischer Hilfe für den Transfer der neuen Artikulationsweise in die Spontansprache. Anhand eines Protokollbogens können neu erlangte auditive oder taktile - kinästhetische Selbstwahrnehmungstendenzen erfasst und zur Stabilisierung der Lautbildung eingesetzt werden.

Protokollbogen zur Selbstkontrolle
Abb. 1: Protokollbogen zur Selbstkontrolle. Nach: BRUNNER et al. (1996), S. 120

Ausblick
Die Video-Feedback-Therapie erweist sich in vielen Aspekten als vorteilhaft

  1. Eine eingeschränkte auditive Selbstwahrnehmung wird durch das Video-Feedback verbessert, so dass die herkömmliche Sprachtherapie zwischen und nach den Feedback-Sitzungen auf einem erweiterten Wahrnehmungsniveau erfolgen kann
  2. Die Patienten erfahren durch die Feedback-Methode eine neue aktive und zielgerichtete Beeinflussungsmöglichkeit Ihres Sprechens, was das Gefühl ihrer „Selbstwirksamkeit“ erhöht und sich positiv auf ihr Selbstkonzept außerhalb der Sprachtherapie auswirkt
  3. Die Video-Feedback-Therapie stellt eine in kurzer Zeit sehr effektive Methode dar, die eine neue Motivation-, Wissens- und Wahrnehmungsbasis für den Patienten, dessen Eltern und Sprachtherapeuten schafft.
  4. Sie wird besonders sinnvoll gezielt zur Veränderung von zwei/drei bisher therapieresistenten Lauten eingesetzt als Anstoß zur Fortsetzung der traditionellen Sprachtherapie auf erweiterter Wissensbasis

Abschließend kann gesagt werden, dass die Video-Feedback-Therapie einen neuen effektiven Weg in der Sprachtherapie bei Menschen mit LKGS-Fehlbildung aufzeigt, jedoch eines hohen personellen, zeitlichen und apparativen Aufwands benötigt und somit nicht in allen Kliniken oder Praxen angeboten werden kann.

Dieser Beitrag stellt eine Zusammenfassung der folgenden Artikel dar:
1.) Monika Brunner et al. (1994): „Video-Feedback-Therapie mit dem flexiblen Nasopharyngoskop. Einflussmöglichkeiten auf den velopharyngealen Verschluss und Lautbildungsfehler bei Spaltpatienten“ aus: Fortschritte der Kieferorthopädie 55/4, S. 197-201
2.) Monika Brunner et al. (1996): „Neue Wege in der Sprachtherapie bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Diagnostik und Video-Feedback-Therapie mit dem Nasopharyngoskop“ aus: Sprache – Stimme - Gehör 20, S.116-122

Weitere Informationen hierzu finden sich in WITZEL et al. 1989 und PETERSON-FALZONE 2001.