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Interdisziplinäre Frühförderung

Kinder mit einer LKGS-Fehlbildung unterliegen zahlreichen Folgebeeinträchtigungen, welche die Funktionskreise der Respiration, Resonanz, Artikulation, Phonation und Suprasegmentalia betreffen.
Das betroffene Kind kann seine Mundhöhle als das im Säuglingsalter entscheidende Organ zur Erfassung der Umwelt und zum Sammeln wichtiger perzeptiver Erfahrungen nur eingeschränkt benutzen. Daher muss direkt nach der Geburt die komplexe interdisziplinäre Frühförderung einsetzen, um eine positive Rehabilitation des Kindes mit LKGS-Fehlbildung bis zur Einschulung zu gewährleisten. Die Prävention von Sprechauffälligkeiten, Hörminderungen und Wachstumshemmungen des Oberkiefers steht dabei an erster Stelle.

Zeitliche Behandlungsschritte
Der Ausgangspunkt der komplexen Folgebeeinträchtigungen und besonders Sprechauffälligkeiten bei Kindern mit LKGS-Fehlbildung ist die velopharyngeale Insuffizienz (VPI). Hier sollte der Ansatzpunkt der interdisziplinären Förderung liegen. Die sprachtherapeutische Förderung muss daher konsequent mit den Disziplinen der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Oto-Rhino-Laryngologie und Kieferorthopädie kooperieren.

 

Alter MKG-Chirurgie KFO HNO
Geburtstag   Abdrucknahme und Anfertigung der MNT-Platte
(HOTZ & GNOINSKI)
2. Woche: Hörscreening OAE´s - falls pathologisch BERA, monatliche Kontrolle - Ohrmikroskopie, Tympanometrie
3.-4. Monat Lippenplastik Bearbeitung und Neuanfertigung weiterer MNT-Platten In Lippen-OP: Einlage von Paukenröhrchen falls erforderlich
7.-9- Monat Plastik des Gaumens, Segels und der inneren Nase Abschluss der Säuglingsbehandlung In GSV-OP: Einlage von Paukenröhrchen falls erforderlich, 3-monatige Kontrolle - Ohrmikroskopie, Tympanometrie
5. - 7. Lj. ggf. Velopharynxplastik
Oberlippenkorrektur
Frühbehandlung im Milchzahn,- bzw. Wechselgebiss

5. Lebensjahr Ohrmikroskopie, Tympanometrie, Audiogramm, jährliche Kontrollen

Ab 9. Lj. Kieferspaltosteoplastik Vorbehandlung für die Kieferspaltosteoplastik jährliche Kontrollen
Ab 12. Lj Sekundäre Korrekturen an äußerer Nase und ggf. Operlippe Behandlung zur Ausformung der eugnathen Zahnbögen  
Ab 16. Lj. Osteotomie bei Dysgnathie Vor- und Nachbehandlung bei ggf. Osteotomie (Distraktion)  

Tab. 1: Durchschnittliches interdisziplinäres Behandlungskonzept (Sprachtherapeutische Aufgaben s. Startseite Therapie)


Nur durch eine frühe, idealerweise ‚intradisziplinäre’ Förderung ab der Geburt können Sprechauffälligkeiten bei Kindern mit LKGS-Fehlbildung verhindert werden. Die wichtigste Aufgabe und Basis jeglicher sprachtherapeutischer Frühförderung ist die konsequente Überprüfung des Ohres und der Hörfähigkeit des Kleinkindes durch den HNO-ärztlichen Fachbereich.

Im Sinne einer Prävention von Resonanz- und Sprechauffälligkeiten muss die Sprachheilpädagogik/Logopädie als gleichberechtigte Disziplin im interdisziplinären Team schon ihre Aufgabe direkt nach der Geburt des Kindes mit LKGS-Fehlbildung erkennen und erfüllen.
Bei einer konsequenten Orientierung an den aufgeführten Aufgabenfeldern lässt sich eine optimale ganzheitliche kind- und elternzentrierte Betreuung (NEUMANN 2000) gewährleisten.

Mund-Nasen-Trennplatte (MNT)
In den ersten Stunden nach der Geburt des Kindes passt der Kieferorthopäde eine Mund-Nasen-Trennplatte (MNT) aus Kunststoff an. Deren Hauptaufgabe liegt in der Herstellung eines anatomisch nachgearbeiteten Gaumendaches. Dies entspannt die Ernährungssituation der unoperierten Säuglinge und bahnt den physiologischen Schluckvorgang an. Es wird gewährleistet, dass die Zunge eine physiologische Ruhelage einnehmen kann. Für das Ausdrücken der Milch aus der Brust bzw. dem Flaschensauger findet der Säugling einen nötigen Widerhalt im Alveolarbereich.

 

Gütekriterien eine Mund-Nasen-Trennplatte (MNT)

  • Vollständiges Einfassender Kieferränder (Achtung Frenulum)
  • Umfassen des Vomers
  • Einarbeitung der Rugue palatinae
  • möglichst wenig Materialeinsatz, umder Zunge ausreichend Platz zu geben

Abb. 1: Gütekriterien einer Mund-Nasen-Trennplatte (MNT)

 

Die MNT-Platte lässt die Oberkieferteile einander annähern. Sie bleibt bis zur Primäroperation des Gaumens und Velums eingesetzt. Durch die Normalisierung der Zungenlage und -motilität wird der Grundstock für die Entwicklung der artikulatorischen Muster gelegt (WOHLLEBEN 1998a, 1994).

Hinweise zur Sprachentwicklung
Als schriftliche Information für zu Hause erhalten die Eltern die „Hinweise zur Sprachentwicklung von Kindern mit einer LKGS-Fehlbildung im Alter von 0;1 bis 1;6 Jahren“ (nach HOCHMUTH 1978, modifiziert von NEUMANN 2000). Diese Informationsblätter enthalten eine tabellarische Übersicht über den ungefähren zeitlichen Ablauf der normalen kindlichen Sprachentwicklung mit zusätzlichen Hinweisen für die Eltern eines Kindes mit LKGS-Fehlbildung zu möglichen Auffälligkeiten oder Verzögerungen in dessen sprachlichen Äußerungen.
Anregungen zu kindgerechtem Spielzeug finden sich parallel zu den entsprechenden Entwicklungsphasen, so dass die Eltern Ideen erhalten, wie sie ihr Kind spielerisch in seinen vorsprachlichen Handlungen unterstützen können. In Verbindung mit den Hinweisen zum Verlauf der Sprachentwicklung werden die Eltern motiviert, die nächste Zeit der Sprachentwicklung ihres Kindes zu beobachten und, wenn sie möchten, dies schriftlich in einer Spalte des Bogens festzuhalten. Sie können somit Angaben bezüglich des Schreiens, Lallens, der ersten Worte sowie mögliche Auffälligkeiten bei der Sprachentwicklung ihres Kindes notieren. Dieser Bogen wird von den Eltern gerne angenommen und macht sie gleichzeitig sensibler für die Entwicklung ihres Kindes. Nach eigenen Aussagen haben sie dadurch das Gefühl, selber etwas tun zu können und nicht nur von außen ¸behandelt‘ zu werden.

Hinweis: Die „Hinweise zur Sprachentwicklung bei Kindern mit LKKGS“ finden Sie in NEUMANN 2000: „Frühförderung bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildung“, S. 108-115.

Sprachliche Frühförderung
Die frühe sprachliche Förderung ist im Sinne einer orofazialen und übergreifenden Wahrnehmungsförderung zu verstehen.
Kinder mit LKGS-Fehlbildung weisen Wahrnehmungsdefizite vor allem im taktil-kinästhetischen, propriozeptiven und akustischen Bereich auf. Gerade die Mundhöhle als das in diesem Alter entscheidende Organ zur taktil-kinästhetischen Erfassung der Umwelt und zum Sammeln wichtiger perzeptiver Erfahrungen kann von dem betroffenen Kind nicht uneingeschränkt benutzt werden (WOHLLEBEN 1998, 92). Daher sollten zu den Fördermaßnahmen allgemeine Körperarbeit (z.B. Stärkung der Atemkraft), Aufbau eines ausgeglichenen Ganzkörpermuskeltonus und die Aktivierung bzw. Stimulierung der Lippen-, Kiefer-, Zungen- und Gaumenmuskulatur gehören, mit dem Ziel, eine Basis für die Sprechfunktion zu schaffen. Dies geschieht eingebettet in eine übergreifende Entwicklungsförderung. Die Förderung soll sich als indirekt gestalten, um eine Traumatisierung der Persönlichkeit des Kindes zu umgehen. Da sich Sprache in ihrer sozialen Funktion entwickelt, ist die frühe Förderung interaktional und handlungsorientiert aufgebaut.