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Kompensatorische Artikulation

GODBERSEN (1997) klassifiziert Artikulationsabweichungen bei LKGS-Fehlbildung als sekundäre Auswirkung infolge von funktionell-artikulatorischen Kompensations-mechanismen.
Charakteristisch liegen Rückverlagerungen der Artikulationszonen vor, welche habituell vom Sprecher erlernt werden. Diese sind i.S. einer aktiven Adaptation an die primäre velopharyngale Insuffizienz zu verstehen (BRESSMANN 1999).
SELL, HARDING & GRUNWELL (1999) sehen in typischen Artikulationsauffälligkeiten bei LKGS Veränderungen der Artikulationsart und des -ortes, eine nasale, palatale, pharyngeale oder glottale Substitution des Ziellautes.

Dentalisierung
Die Zunge stößt beim Lautieren an die Schneidezähne an; betrifft alveolare Ziellaute

Lateralisierung
Eigentlicher Luftstrom bei der Artikulation ist zentral realisiert, jedoch entweicht ein Teil der Sprechatemluft an einer oder beiden Seiten der Zunge


Laterale Artikulation
Die Sprechatemluft entweicht ausschließlich an einer oder beiden Seiten der Zunge, was einen zentralen Verschluss mit sich bringt.


Palatalisierung

Begleitende palatale Artikulation, welche den Ziellaut modifiziert


Palatale Artikulation
Palatale Realisation, welche den Ziellaut ersetzt. Kann als Vor- oder Rückverlagerung des Ziellautes vorliegen. Tritt meist bei Vorliegen eines alveolaren Restloches auf und ist als Kompensationsmechanismus zu verstehen, um einen nasalen Durchschlag durch das Restloch während der Artikulation zu verhindern (GOLDING-KUSHNER 2001).


Doppelartikulation
Eine Doppelartikulation (‚double articulation') entsteht, wenn z.B. korrekt gebildete alveolare Plosive zusätzlich mit einer rückverlagerten Artikulation realisiert werden.

Velare Rückverlagerung
Es liegt eine artikulatorische Rückverlagerung nach velar vor, wenn alveolar-dental oder alveolar gebildete Ziellaute durch velar gebildete Laute ersetzt werden.


Uvulare Rückverlagerung
Es liegt eine artikulatorische Rückverlagerung nach uvular vor, wenn alveolar oder velar gebildete Ziellaute uvular realisiert werden. Die gebildeten Laute entsprechen nicht mehr dem Phonemsystem des Deutschen und werden durch entsprechenden Laute der IPA dargestellt.

Pharyngale Artikulation
Palatal  und velar (/g, k, x, r/) gebildete Laute sind bei einer noch nicht operierten Fehlbildung des Gaumens bzw. Segels stark beeinträchtigt bzw. unmöglich und/oder werden oft habituell nach pharyngeal rückverlagert (,backing').





Abb. 10: Rückverlagerung der Zunge nach pharyngal, z.B. beim Ziellaut /g/ oder /k/



Glottale Artikulation
Gerade im Deutschen wird durch den harten Stimmansatz eine glottale Ersetzung des Ziellautes, speziell von Plosiven, ausgelöst. Das Kind vokalisiert. Dies ist demnach nicht als fehlende Plosive einzuschätzen, sondern als aktive Ersetzung des Plosivs durch einen "glottal stopp".

 

 
Abb.11: Glottale Artikulation

Aktiv nasale Frikative
Nasale Turbulenzen/Nasaler Durchschlag können sich aktiv als kompensatorische Rückverlagerung in nasalen Frikativen (active nasal fricative) äußern.

  • Frikative werden durch stimmlose Nasale    mit begleitendem Nasalen Durchschlag oder Nasaler Turbulenz realisiert
  • diese komplexe Artikulation ersetzt die Ziellaute
  • erfüllt eine phonematische Funktion: Ersatzgeräusch wird aktiv und lautunterscheidend vom Sprecher eingesetzt

 

Lenisierte/ nasalierte Konsonanten
Konsonanten werden aufgrund des geringen oralen Luftstromes lenisiert und teilweise zusätzlich nasalisiert.


Nasalierte Frikative
Frikative, besonders s-Laute und ihre Verbindungen, werden oft passiv durch einen stimmlosen Nasal [] realisiert (nasal realization fricatives). Nähert sich die Zunge an den Alveolarrand an, aber artikuliert statt [s] doch ein [], so wird dieser komplexe Laut derart transkribiert.

 

Unterscheide:  Passiv nasalierte Frikative und Aktiv nasale Frikative durch den Nase-zuhalten-Test

  • Nasale Realisation von Frikativen: orale Artikulation wird verstärkt und die korrekte Realisation des Zielkonsonants erleichtert
  • Aktiv nasale Frikative: keinerlei Realisation eines Ziellautes

Nasalierte Plosive (Nasale Realisation von Plosiven)
Kann der benötigte intraorale Luftdruck zur Sprengung bei stimmhaften Plosiven nicht aufgebaut werden, so kann es zu einer Lenisierung der Plosiven bis hin zu einer Annäherung an die äquivalenten Nasalen kommen.

 

Fehlende Plosive
Fehlende oder geringe Anzahl realisierter Plosive gelten als Hinweis auf eine velopharyngeale Insuffizienz (VPI) , auch wenn keine weiteren aktiv-artikulatorische Kompensationen vorliegen (SELL, HARDING & GRUNWELL 1999).